31. Juli 2010
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Hunziker-Ebneter: «Wir brauchen eine neue Finanzordnung»

Antoinette Hunziker-EbneterAntoinette Hunziker-Ebneter, CEO, Gründungspartnerin und Vizepräsidentin des Verwaltungsrats Forma Futura Invest AG in Zürich. Zuvor war sie Mitglied der Konzernleitung der Julius Bär Holding AG. Von 1997 bis 2000 war sie CEO der SWX Swiss Exchange und leitete den Geschäftsbereich Märkte. Frau Hunziker-Ebneter studierte Betriebswirtschaft an der Hochschule St. Gallen.

change.ch sprach mit Antoinette Hunziker-Ebneter über die Folgen der Finanzkrise und aktuelle Tipps für Anleger.

change.ch
Frau Hunziker, es gibt zahlreiche Gründe für die Finanzkrise: Die unkontrollierte Kreditvergabe an Immobilienkäufer in den USA, die Gier und der Grössenwahn der Manager, mangelnde Transparenz der Finanzprodukte, spekulative und kompliziert verpackte Anlageinstrumente. Welche Massnahmen müssen getroffen werden, damit eine solche Krise nicht mehr eintritt?

 
   
 

Antoinette Hunziker-Ebneter
Wir müssen dringend mit der Transformation des jetzigen Systems zu einem nachhaltigen Finanzsystem beginnen. Dafür haben die Finanzdienstleister wieder ihre ursprüngliche Funktion wahrzunehmen, nämlich der Wirtschaft und Gesellschaft zu dienen. Ethisches Verhalten aller Akteure ist gefragt. Die Unmengen an virtuellem Buchgeld müssen wieder aus dem System entfernt werden.

Dazu braucht es eine Regulierung der derivativen Geschäfte und deutlich höhere Eigenkapitalanforderungen  für das kurzfristige und risikoreiche Geschäft. Auch braucht es Verwaltungsräte, die das Risikomanagement der Banken hinterfragen und massvolle Entlöhnungs- und Anreizsysteme durchsetzen. Zudem sind Veränderungen im Aktienrecht nötig, damit die Aktionäre ihre Rechte und Pflichten wirklich wahrnehmen können. 

Diese Massnahmen bedeuten eine Rückführung der Finanzwelt in die reale Wirtschaft und Gesellschaft. Derjenige Finanzplatz, der diesen Prozess geschickt zu realisieren versteht, hat einen riesigen Standortvorteil, auch wenn dabei die Investmentbanken kleiner werden.

Banking sollte ja kein Selbstzweck sein. Es soll dazu dienen, die Bedürfnisse der Anleger, der Kreditnehmer und Emittenten sinnvoll zu erfüllen und dabei massvoll Geld zu verdienen, in erster Linie für die Kunden, dann für die Aktionäre und erst zuletzt für die Banker selbst. Dafür braucht es Kunden, die sich mit sinnvollen, einstelligen Renditen zufrieden geben. 

Am G-20-Gipfel haben die führenden Wirtschaftsnationen wichtige Beschlüsse zur Neuordnung der Finanzmärkte gefasst. Sind sie ausreichend?

Es sind gute Beschlüsse gefällt worden. Doch jetzt müssen neue Realitäten geschaffen werden. Mich interessiert vor allem die Umsetzung. Leider hört man vom aktuellen Stand der Umsetzung wenig, was die Glaubwürdigkeit des Gipfels nicht gerade unterstreicht. 

Das Ansehen der Banker in der Öffentlichkeit hat in den letzten Jahren deutlich gelitten. Was muss die Branche tun, um das Vertrauen der Anleger wieder zu gewinnen?

Die Finanzbranche braucht neue Führungskräfte, die für Grundwerte wie Respekt, Transparenz und Verantwortung einstehen und diese konsequent und professionell umsetzen und vorleben. 

Wie würden Sie das Ansehen des Schweizer Finanzplatzes im internationalen Vergleich beurteilen?

Das Ansehen des Schweizer Finanzplatzes hat stark gelitten. Nicht nur wegen einigen unprofessionellen Akteuren, sondern auch wegen der zunehmenden Rechtsunsicherheit. 

Wie haben Sie die Finanzkrise erlebt?

Ich hatte nicht erwartet, dass man Lehman Brothers bankrott gehen lässt. Mit diesem Entscheid wurde Unsicherheit geschürt. Es hat sich gezeigt, dass das Unerwartete geschehen kann.  

Freude an den Aktienkursrückgängen hatte auch ich nicht. Doch sind unsere Kunden in Aktien, Obligationen und Aktienfonds nachhaltiger und finanziell solider Firmen investiert.

Das Gute an der Krise ist, dass viel mehr Menschen ihr Vermögen nachhaltig anlegen möchten. Das Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Geld hat klar zugenommen. 

Wer konnte von der Krise profitieren?

Gewonnen haben ein kleiner Kreis von Investmentbankern sowie die Anbieter von nachhaltigen Finanzdienstleistungen. 

Reden wir über die privaten Anleger. Die meisten von ihnen sind verunsichert, orientierungslos und haben Angst. Was raten Sie ihnen?

Private Anleger sollen zu einem Anlageberater gehen, dem sie vertrauen. Bevor Sie Ihr Geld anlegen sollten Sie darüber hinaus einige Punkte beachten:  

1. Falls Sie auf das anzulegende Geld nicht mindestens sieben Jahre lang verzichten können, kaufen Sie keine Aktien.

2. Der prozentuale Aktienanteil sollte höchstens so hoch sein wie Differenz zwischen 100 und Ihrem Alter.  

3. Falls Sie auf Obligationen setzen, achten Sie auf hohe Qualität (AAA-A) oder wählen Sie Unternehmen oder Staaten, denen Sie vertrauen.

4. Wählen Sie keine exotischen Währungen mit hohen Zinsen – die Währungsschwankungen können sehr schnell den Zinsvorteil dahin schmelzen lassen.  

5. Wenn Sie hohe Sicherheit benötigen, legen Sie in Schweizer  Obligationen an.

6. Meiden Sie Produkte, die Sie nicht verstehen.  

7. Achten Sie auch darauf, dass Ihnen der Berater nicht nur Produkte der eigenen Bank verkauft. Oder fragen Sie zumindest nach, wie hoch die Gebühren sind, die für bankeigene Produkte erhoben werden .

Frau Hunziker, wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung an den internationalen Börsenplätzen – ist das Schlimmste der Finanzkrise überstanden?

Nein. Mit Ausnahme einiger sich positiv entwickelnder Frühindikatoren sehe ich noch nicht, dass sich diese Hoffnung realisieren würde. Die vielen faulen Papiere sind ja nicht verschwunden. Sie sind nicht abgeschrieben worden, sondern verbleiben wegen der Änderungen der Rechnungslegungsvorschriften in den Büchern. Die Banken haben daher immer noch sehr viel Abschreibungsbedarf.  

Die Zentralbanken können viel Geld ins System pumpen, mehr als die Realwirtschaft absorbieren kann. Viele der so entstehenden überschüssigen Gelder fliessen daher in die Vermögensmärkte. Sowohl die Regierungen als auch die Notenbanken hoffen, dass die Vermögenspreise dadurch so weit ansteigen, dass mehr Geld geliehen und weniger gespart wird. Nach dieser Theorie würde dann die Arbeitslosigkeit sinken und die Löhne sowie die Verbraucherausgaben und Investitionen würden wieder anziehen.

Barack Obamas Slogan lautet: «Change – Yes We Can!». Frau Hunziker, wie lautet Ihr Slogan? 

Think, act and reflect – together.

Wir leben in einer sehr dynamischen und veränderungsreichen Zeit. Womit bringen Sie den Begriff «Change» in Verbindung? 

Wir sollten unser Verhalten und unsere Ziele und Regeln so verändern, dass die Lebensqualität auf unserem Planeten zunimmt.

Schliesslich unsere «Change»-Frage: Wenn Sie alle Macht der Welt hätten, welchen «Change» würden Sie realisieren? 

Ich würde ein nachhaltiges volkswirtschaftliches System einführen mit neuen, sinnvollen Zielen für Wachstum, Wohlfahrt und Effektivität. Als neues Instrument würde ich zusammen mit der neuen Generation auf allen Kontinenten eine Betriebswirtschaftslehre entwickeln, welche ökonomische, ökologische und ethische Aspekte integriert.

Frau Hunziker, wir danken Ihnen für das Interview.

 

Interview: Zoran Bozanic, November 2009