31. Juli 2010
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Aktienmärkte: «Wir bevorzugen Südostasien und die USA»

Yves MirabaudYves Mirabaud, Partner, Mirabaud & Co, Genf

change.ch sprach mit Yves Mirabaud über die Weltwirtschaft, den Finanzplatz Schweiz und sein Bankgeheimnis sowie aktuelle Anlagetipps.

Herr Mirabaud, für viele ausländische Private-Banking-Kunden war das Bankgeheimnis in der Vergangenheit der Hauptgrund, wieso sie Gelder in die Schweiz transferierten. Die Genfer Privatbanken sind auf das Offshore Banking spezialisiert und von der Anpassung des Bankgeheimnisses an die OECD-Standards besonders stark betroffen. Wie erleben Sie die aktuelle Entwicklung?
 
Die Genfer Privatbanken haben sich auf die Vermögensverwaltung spezialisiert, ob für Onshore-Kunden oder, wie Sie sagen, Kunden des Offshore Banking. Diesen Kundengruppen ist das Bankgeheimnis äusserst wichtig, denn in einer Welt mit zunehmend schneller zirkulierenden Informationen erweist sich der Schutz der Privatsphäre als von fundamentaler Bedeutung.

 
   
 

Sicher, das Bankgeheimnis wird in dem Sinn weiter ausgehebelt, als dass die Schweiz mit den neuen Standards der OECD nun nicht mehr zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung unterscheidet.
 
Unsere Rolle ist es, unsere Kunden bei der Bewältigung dieser Veränderungen zu begleiten. Deshalb muss der schweizerische Finanzplatz aus meiner Sicht in naher Zukunft zwei fundamentale Ziele erreichen: Erstens soll das Angebot einer Vermögensverwaltung im Rahmen der Tax Compliance gewährleistet sein. Zweitens soll für Kunden, die sich Jahrzehnte lang auf unsere Rechtsordnung verlassen hatten, eine Vergangenheitsbewältigung vorgenommen werden. Ein Projekt wie «Rubik» zielt unter anderem auf die Erreichung dieser Zielvorgaben ab.

Ihre Bank beteiligt sich an Venture Finanzas und setzt ihre Strategie auf dem spanischen Markt um. Was ist das Ziel der Expansion?
 
Unsere Beteiligung an Venture Finanzas ist die Fortsetzung unserer Strategie, mit der wir uns den Kunden auf unseren wichtigsten Märkten annähern wollen. In Europa hatten wir in London den ersten Schritt gemacht. In Paris setzten wir diese Vorgehensweise fort, und heute machen wir in Spanien weiter.

Anfang Jahr war die Stimmung der Wirtschaft auf dem Tiefstand, mittlerweile scheint alles vergessen zu sein. Wie steht es um die Weltwirtschaft generell?
 
Die Weltwirtschaft hat eine der schärfsten Rezessionen ihrer Geschichte erlebt und befindet sich nunmehr erneut auf einem Wachstumspfad, der in den Industrieländern synchronisiert, aber auch heterogen und moderat verläuft, während er in den Schwellenländern relativ stark nach oben zeigt. Die konjunkturelle Erholung, die eine Zeit lang durch stark expansive Konjunkturpakete und Wirtschaftspolitiken Unterstützung erhielt, wird sich nunmehr auf neue Wachstumsmotoren stützen müssen, wie zum Beispiel die Industrieinvestitionen in den westlichen Industriestaaten und den Konsum in Asien. Diese beiden Motoren, die dem Wachstum im Jahr 2010 seine Dynamik verleihen dürften, haben zwar erhebliches Entwicklungspotenzial, doch sind sie derzeit noch schwach und könnten sich durchaus als unzureichend herausstellen.
 
Einige Schwellenländer wie China oder Brasilien stehen wie Felsen in der Brandung. Wie nachhaltig wachsen diese aufstrebenden Nationen? Oder sind sogar «Bubble-Tendenzen» vorhanden?
 
In den genannten Ländern dürfte das Wachstum nachhaltig ausfallen, jedoch unter der Vorbedingung, dass die Regierungen dieser beiden Länder die Strukturreformen umsetzen, die für die Stärkung der Binnennachfrage erforderlich sind. Dazu gehören insbesondere die Verbesserung des sozialen Schutzes der privaten Haushalte für eine stufenweise Ausweitung der Sparquote und eine schrittweise Aufwertung ihrer Wechselkurse.
 
Immer wieder hört und liest man vom Schreckgespenst «Inflation». Muss man sich auf diese Gefahr vorbereiten?
 
Wie bereits mehrfach von den Zentralbanken angesprochen, beschränken sich die Inflationsrisiken derzeit aufgrund des deutlichen Überhangs an Produktionsressourcen, mit dem die Industrieländer konfrontiert werden, allein auf die Rohstoffpreise. Auf lange Sicht dürfte der Abbau der externen Ungleichgewichte, mit dem wir rechnen, die Risiken einer Monetisierung der Staatsdefizite einschränken und folglich keine deutliche Zunahme der Inflationserwartungen auslösen.
 
Blicken wir nun auf die Wertpapiermärkte. Alle Börsenbarometer sind in diesem Jahr mehr oder weniger kräftig gestiegen. Geht dieser Trend weiter oder sind 2010 Rückschläge zu erwarten?
 
Bereits im zweiten Quartal dieses Jahres profitierten die Börsen von einem sehr günstigen Umfeld: Äusserst niedrige Bewertungsniveaus, deutliche Verbesserung der Geldmarktbedingungen sowie rasche Erholung der Gewinnsituation der Unternehmen. Im Jahr 2010 dürfte an den Aktienmärkten ein schärferer Wind wehen, insbesondere aufgrund der sich schrittweise wieder verschärfenden Geldpolitiken. Die Börsenmärkte dürften folglich deutlich langsamer und selektiver zulegen. Ungeachtet dessen dürfte der Anstieg der Gewinne der Unternehmen den Kurssteigerungen nach wie vor Unterstützung bieten.
 
Welche Anlageklassen wie Aktien, Obligationen oder Rohstoffe finden Sie reizvoll – welche eher ein «No-Go»?
 
Die Aktien verfügen zwar über ein deutlich schwächeres Kurssteigerungspotenzial, bleiben jedoch unverändert die attraktivste Anlageklasse. Die Staatsanleihen sind meines Erachtens überbewertet. Man sollte ihnen aus dem Weg gehen.
 
Vertiefen wir den Aktienmarkt. Bekanntlich steigen nicht alle Sektoren und Regionen im gleichen Ausmass. Welche Sektoren und Regionen könnten nach ihrer Prognose profitieren und wo sehen Sie Gefahren?
 
Aus unserer Sicht bieten Infrastruktur- und Technologiewerte sowie Aktien aus dem Bereich erneuerbare Energien und Industrie das beste Kurssteigerungspotenzial. Bei den Regionen bevorzugen wir Südostasien und die Vereinigten Staaten. Bei den Werten aus den Bereichen Verbrauchsgüter, Versorger und Telekommunikation würden wir vorsichtig bleiben. Die Grundstoffwerte erscheinen uns heute nach den vergangenen sehr kräftigen Kurssteigerungen zu teuer. Wir rechnen damit, dass die japanischen Märkte sowie in geringerem Masse die europäischen Märkte schlechter abschneiden dürften als der amerikanische Markt.
 
Blicken wir auf die Rohstoffe: Gold notiert auf Höchstkursen, Rohöl wie auch andere Rohstoffe haben seit Anfang Jahr stark zugelegt. Wohin geht die Reise im nächsten Jahr?
 
Im Kielwasser der steigenden Zinsen, der Bestätigung des deutlich ausgeglicheneren Konjunkturverlaufs in den Vereinigten Staaten sowie der Erholung des Dollars könnte sich der Goldpreis durchaus wieder zurückbilden, während die Preise der Energie- und Industrierohstoffe wieder moderat zulegen dürften.
 
Der Dollar notiert derzeit schwach. Gewisse Marktteilnehmer prophezeien bereits den Untergang der US-Valuta. Wie sehen Sie das, Herr Mirabaud?
 
Die US-Valuta könnte zwar weiterhin auf kurze Sicht unter Druck bleiben, doch dürfte ihr Wert im Verlauf des Jahres 2010 erneut ansteigen, insbesondere gegenüber den europäischen Währungen – und zwar als Folge der erneuten Verschärfung der Geldpolitik der Fed sowie der Verbesserung der US-Handelsbilanz.
 
Barack Obamas Slogan lautet: «Change – Yes we can!» Wie lautet Ihr Slogan?
 
Adapt, yes we do!
 
Wir leben in einer sehr dynamischen und veränderungsreichen Zeit. Womit bringen Sie den Begriff «Change» in Verbindung?
 
Mit Anpassung! Ich bin überzeugt davon, dass diejenigen, die sich nicht an diese Veränderungen anpassen können, in der heutigen Welt zum Scheitern verurteilt sind.
 
Schliesslich unsere «Change»-Frage: Wenn Sie alle Macht der Welt hätten, welchen «Change» würden Sie realisieren?
 
Natürlich würde ich gerne mehrere «Changes» realisieren. Aber um hier nur einen «Change» zu nennen: Ich wünschte, dass die Privatsphäre garantiert wird. Die Terroranschläge und die Finanzkrise haben den Staaten einen fantastischen Vorwand geliefert, das Leben ihrer Mitbürger zunehmend zu kontrollieren. Das weckt in mir nicht nur schöne Erinnerungen. Das soll allerdings selbstverständlich nicht heissen, dass für die Umgehung der gesetzlichen Normen unseres Wohnsitzlandes ein Freischein ausgegeben werden soll.
 
Herr Mirabaud, vielen Dank für das Interview.

Interview: Zoran Bozanic, Dezember 2009

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