31. Juli 2010
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Finanzplatz Liechtenstein:
«Wir wollen Innovationstreiber werden»

Michael Lauber, Geschäftsführer, Liechtensteinischer BenkenverbandMichael Lauber ist seit 2004 Geschäftsführer des Liechtensteinischen Bankenverbandes. Seine Studien schloss er als Rechtsanwalt an der Universität Bern ab. Nach einer Tätigkeit als Untersuchungsrichter wechselte er 1993 zur Kriminalpolizei im Kanton Bern. Von 1995 bis 2000 war er Chef der Zentralstelle Organisierte Kriminalität beim Bundesamt für Polizei, bevor er als Geschäftsführer der Selbstregulierungsorganisation PolyReg in Zürich tätig war. 2001 rief ihn die liechtensteinische Regierung, um die Financial Intelligence Unit (Meldestelle für Geldwäscherei) aufzubauen. Er war unter anderem Delegierter Liechtensteins für das Anti-Geldwäscherei-Komitee des Europarates (MONEYVAL), evaluierte Oman und Luxemburg für IWF/Weltbank, Zypern und Monaco für den Europarat und Russland für die Arbeitsgruppe zur Bekämpfung der Geldwäscherei (FATF).

Wir sprachen mit Michael Lauber über die deutsche Steueraffäre, die Herausforderungen für die liechtensteinischen Banken und den Schutz der Privatsphäre.

 
   
 

change.ch
Herr Lauber, Sie haben 14 Tage im Februar Liechtensteins Finanzplatz besonders verteidigen müssen. Wie haben Sie auf den plötzlichen Druck reagiert?

Michael Lauber
Wir waren zunächst völlig überrascht. Die Heftigkeit hat uns doch sehr erstaunt. Denn die Fakten liegen seit geraumer Zeit auf dem Tisch. Liechtenstein hat enorme Veränderungen seit der EWR-Mitgliedschaft 1995 vorgenommen. Liechtenstein setzte dabei um die 5000 EU-Regulierungen um und ist bei der Bekämpfung der Geldwäscherei vorn dabei. Ebenso haben wir im Februar dieses Jahres das Schengen-Abkommen unterzeichnen können. Und mit der EU laufen bereits seit einiger Zeit Verhandlungen über ein gesondertes Betrugsabkommen. All diese Fakten sind auch in Deutschland bekannt. Zudem sind die Beziehungen zu Deutschland gerade in den letzten Jahren auf einer sehr freundschaftlichen Basis geführt worden. Unsere Reaktion lag also vor allem darin, diese Fakten zügig und deutlich darzulegen und die Berichterstattung nach Möglichkeit zu versachlichen.

Warum kam die Kritik am Finanzplatz Liechtenstein so massiv und so plötzlich?

Ich denke, man muss das Ganze in einem grösseren Zusammenhang betrachten. In Europa und insbesondere in Deutschland werden die Folgen der Globalisierung intensiv diskutiert. Die Bürger stellen Wirtschaftssysteme als solche mehr und mehr in Frage. Begriffe wie Abzocke, Misstrauen und Moral prägen die Diskussionen. Das Verhältnis Bürger und Staat ist ebenfalls ein wichtiger Diskussionspunkt. Wenn dann ein anerkannter und einflussreicher Wirtschaftsführer verhaftet wird, so haben alle diese Diskussionen ein prominentes Anschauungsbeispiel und die Reaktionen sind entsprechend heftig. Es ist kaum zielführend, dafür den Liechtensteinischen Finanzplatz verantwortlich zu machen. Das heisst aber umgekehrt nicht, dass wir uns nicht auch permanent den neuen Umständen anpassen müssen.

Was heisst das konkret?

Das heisst, dass die Banken die Schritte der Regierung betreffend die Verhandlungen mit der EU unterstützen und selbst innovative Projekte lancieren.

Welche Präventivmassnahmen wird man treffen, damit sich die aktuelle Steuer-Affäre nicht wiederholt?

Als kleiner Finanzplatz haben wir es trotz allem geschafft, uns dank Wachstumsstrategien und Nischenpositionierung global aufzustellen. Der Wandel ist heute rasant. Wir sehen es als vordringlich, den Balanceakt zwischen den stets wachsenden Forderungen nach mehr Transparenz einerseits und dem Schutz der Privatsphäre andererseits zu meistern.

Welchen «Change» müssen die Banken noch vollziehen?

Wir denken, dass Anpassungen nötig sind, um der Dynamik zu folgen, nicht aber Anpassungen um der Anpassung willen. Gerade in Zeiten grosser Umwälzungen ist das Thema Stabilität und Berechenbarkeit von zentraler Bedeutung. Dies verlangt von den Banken «Changes», jedoch vor allem Mut zur Nische und zur Verteidigung von bewährten Grundwerten wie dem Schutz der Privatsphäre. Das Bedürfnis danach ist nach wie vor vorhanden. Kunden aus aller Welt schätzen Liechtensteins liberale Wirtschaftsordnung inmitten Europas und dessen Stabilität und Modernität. Dieses Vertrauen langfristig zu rechtfertigen ist Kern der Aktivitäten jeder Liechtensteinischen Bank.

Wird der Bankenverband Veränderungen nach der Affäre vornehmen?

Wir werden uns ganz sicher personell weiter verstärken, um in Europa mit noch klarerer Stimme gehört zu werden. Wir stellen immer wieder fest, dass in einigen europäischen Ländern noch wenig Wissen über den Bankenplatz vorhanden ist. Da wird es auch in den kommenden Jahren noch viel Aufbauarbeit geben.

Wagen Sie eine Prognose: Wo steht der Finanzplatz Liechtenstein in zehn Jahren?

Das ist eine spannende Frage, da auch in den kommenden Jahren Vieles von aussen an uns herangetragen werden wird. Per 2010 erwartet die EU ihren Reformvertrag. Dieser soll Europa leistungsfähiger und spürbarer in der Welt machen. Das hat auch auf uns als EWR-Mitglied Auswirkungen. Damit werden die europäischen Märkte noch stärker integriert. Die Globalisierung ist nicht aufzuhalten, mit ihr muss gelebt werden. Und so werden die Banken von Liechtenstein mit stabilen Rahmenbedingungen,  integriert in Europa und mit grösster Nähe zur Schweiz auch als Innovationstreiber für Nischen auftreten.

Wenn Sie alle Macht der Welt hätten, welchen globalen «Change» würden Sie einleiten? 

Verbreitung von mehr Common Sense. Die heutigen komplexen Fragestellungen mit Gemeinsinn erfassen und sie mit gesundem Menschenverstand und Empathie pragmatisch lösen.

Sie haben Geldwäscherei bekämpft, bauten die FIU in Liechtenstein auf und sind nun seit über vier Jahren Geschäftsführer des Bankenverbandes. Das sind grosse «Changes» für Sie persönlich. Werden weitere folgen?

Die Bekämpfung der Geldwäscherei ist nicht eine Behördenaufgabe alleine. Ohne das komplexe, präventive Abwehrdispositiv des Finanzplatzes funktioniert das System nicht. Insofern zeigt meine berufliche Veränderung vor über vier Jahren nur, wie ernst die Banken das Thema nehmen. Für mich persönlich war dies von Beginn an eine spannende Herausforderung. Die Herausforderungen werden nicht weniger, wenn wir den Bankenplatz Liechtenstein auch für die Zukunft fit halten wollen.

Michael Lauber, besten Dank für dieses Interview.

 

Interview für change.ch: Jana Riedmüller, 20. Mai 2008

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