31. Juli 2010
Werbung


Finanzkrise:
«Konsequenzen waren bislang jederzeit verkraftbar»

Dr. iur. Monica Mächler ist Direktorin des Bundesamts für Privatversicherungen BPV. Sie ist zudem bei der Zurich Financial Services als Group General Counsel und Leiterin des Verwaltungsratssekretariats tätig. In dieser Funktion ist sie Mitglied der erweiterten Konzernleitung (Group Management Board) des international ausgerichteten Finanzdienstleistungsunternehmens. Monica Mächler war Mitglied in verschiedenen Expertenkommissionen des Bundes, so in der Expertenkommission Zimmerli zur Umsetzung der Finanzmarktaufsichtsgesetzgebung, in der Expertenkommission Zufferey zur Finanzmarktaufsicht sowie in der Expertenkommission Schnyder zur Revision des Versicherungsaufsichtsgesetzes. Monica Mächler ist Autorin zahlreicher Publikationen zu aktuellen Fragen des Versicherungs- und Finanzmarktrechts.

Wir sprachen mit Dr. Monica Mächler über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Privatversicherungen, die grössten aktuellen Herausforderungen für die Versicherungsindustrie sowie die internationale Zusammenarbeit des BPV.

 
   
 

Benjamin Manz, change.ch
Frau Mächler, die allgemeine Finanzkrise, die im Frühsommer 2007 mit der Subprimekrise ihren Anfang nahm, füllt weiterhin die Schlagzeilen. Wie haben die Privatversicherungen auf die Krise reagiert?

Monica Mächler
Die gegenwärtigen Turbulenzen haben die Versicherungswirtschaft zwar beschäftigt, doch die finanziellen Konsequenzen waren bislang jederzeit verkraftbar, auch wenn einige wenige Versicherungsunternehmen als Folge der Übernahme von Kreditrisiken Wertberichtigungen vornehmen mussten. Gesamthaft kann man von einer Stabilität in einem bewegten Umfeld sprechen.Dass die finanziellen Konsequenzen der Turbulenzen für die Assekuranz bislang jederzeit verkraftbar waren, ist darauf zurückzuführen, dass die Versicherer die Lehren aus den Krisenjahren 2001/2002 gezogen haben. Sie haben Eigenkapital aufgebaut, das nun hilft, Schwankungen abzufedern. Zudem  haben sie ihre Anlagestrategien überprüft und ihre Aktienquoten insgesamt reduziert. Die strengen Anlagevorschriften des BPV für das Gebundene Vermögen der Direktversicherer, welches der Sicherung der Versichertenansprüche dient, haben sich in den jüngsten Turbulenzen ebenfalls bewährt.

Welches sind die grössten Herausforderungen für die Schweizer Privatversicherungen heute und in den kommenden Jahren?

Wachstum,  Innovation und Transparenz. Wachstum ist ein Ziel vieler Versicherungsunternehmungen, was die Konkurrenz erhöht. Die Konkurrenz ist auch im Gefolge von Übernahmen durch neue Akteure oder Akteure mit neuen Strategien am Markt angereichert worden. Gleichzeitig bestehen heute grosse Kapazitäten, die nicht zuletzt auf die verhältnismässig schadenarme Periode der letzten Jahre zurückzuführen sind. Es erstaunt daher nicht, wenn die Prämienniveaus vermehrt unter Druck geraten. Damit sind die Versicherungsunternehmen gefordert, mit Disziplin und Umsicht im Rahmen des Underwriting die technischen Preise zu wahren sowie mit Disziplin und Umsicht die versicherungstechnischen Rückstellungen richtig zu bestellen. Innovation ist wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit auch im Vergleich zu andern Finanzprodukten zu wahren. Und schliesslich ist es zentral, mit Transparenz über die Tätigkeit der Versicherer und ihre Anliegen zu berichten, um das Vertrauen des Kunden zu befestigen.

Wie begegnet das BPV diesen Herausforderungen?

Hauptsächliche Herausforderung für die Regulierung ist, dass sie eine Leitplankenfunktion zur Solvenzsicherung einnimmt. Weder darf der Schutz der Versichertenansprüche etwa durch allzu riskante Kapitalmarkttransaktionen kontaminiert werden, noch darf verhindert werden, dass sich unternehmerische Innovation und Weiterentwicklung entfalten und kraftvoll bewegen können. Und hier liegen die Grenzen des Auftrags an die Aufsicht: Es kann nicht Aufgabe der Aufsicht sein, Strategien und Transaktionen im Einzelnen zu prüfen; hier ist die Unternehmung gefordert, ihre Kreativität mit Verantwortung auszuüben.

In welchen Bereichen sehen Sie den grössten Handlungsbedarf? Wo sieht das BPV Änderungen vor?

Für das BPV steht im Moment im Vordergrund, die Integrierte Versicherungsaufsicht konsequent weiter umzusetzen. Die Grundlagen sind vorhanden. Das neue Versicherungsaufsichtsgesetz bildet die Grundlage für die Integrierte Versicherungsaufsicht mit ihren traditionellen, quantitativen und qualitativen Elementen. Die Sicherung der Solvenz als Beispiel darf nicht nur vom Erfüllen der quantitativen Vorgaben abhängig gemacht werden, sondern auch von der verantwortungsvollen Ausgestaltung von Checks and Balances in den unternehmerischen Entscheidungsprozessen und einen angemessenen Risikomanagement. Die Bedeutung dieser Faktoren hat sich gerade in den jetzigen Finanzmarktturbulenzen überdeutlich gezeigt.

Die Finanzwirtschaft ist bereits stark globalisiert. Wie arbeitet das BPV auf internationaler Ebene?

Auch im Bereich der Regulierung ist eine Internationalisierung festzustellen, welche sehr zu begrüssen ist. Damit wird verhindert, dass sich für die Leitplankenfunktion der Aufsicht an den nationalen Grenzen gefährliche Abbrüche eröffnen. In zahlreichen Staaten wurden im vergangenen Jahr erhebliche Schritte unternommen, um die Versicherungsregulierung zu modernisieren.

Das BPV hat im letzten Jahr die diesbezügliche Vernetzung ebenfalls nochmals deutlich intensiviert. So konnte das BPV im Jahr 2007 sowohl mit der Europäischen Union als auch mit der Dachorganisation der US-amerikanischen Versicherungsaufseher einen regulatorischen Dialog etablieren. Im Vordergrund der internationalen Diskussionen steht die Auseinandersetzung mit der im Juli 2007 veröffentlichten Rahmenrichtlinie der EU zu Solvency II, welche weitgehend auf denselben Grundlagen wie das moderne schweizerische Aufsichtskonzept mit dem Schweizer Solvenztest SST beruht. Nunmehr tragen sich verschiedene Staaten weltweit mit dem Gedanken, ob und wie sie ähnliche Konzepte umsetzen wollen. Daneben unterhalten wir Kontakte mit Regulatoren aus allen Kontinenten, sei es auf der Ebene der International Association of Insurance Regulators sowie des Comité des assurances et pensions privés der OECD und auf bilateraler Ebene.

Grundsätzlich nähern sich zahlreiche Staaten also einer ökonomischen Sichtweise der Solvenzanforderungen an, wie sie insbesondere im SST respektive Solvency II zutage tritt. Allerdings hat die jetzige Krise gezeigt, dass eine gewisse Vielfalt der Modelle auch seine Vorteile haben kann. Sie schafft zusätzliche Redundanz und damit Sicherheit im System. Wenn die Solvenz der Versicherungsunternehmen mittels verschiedener Systeme geprüft wird, werden Risiken besser sichtbar.

Und schliesslich unsere «Change»-Frage: Wenn Sie alle Macht der Welt hätten, welchen globalen «Change» würden Sie realisieren?

Bereitschaft zur konstruktiven internationalen Zusammenarbeit und Umsetzung der Ergebnisse in allen Gebieten. Das beinhaltet Katastrophenhilfe, Solidarität im Kampf gegen Hunger und die Sicherung der Menschenrechte. Im wirtschaftlichen Bereich denke ich an eine zunehmende Vergleichbarkeit und wo sinnvoll auch Konvergenz im Bereich der Regulierung und Rechnungslegung.  


Interview: Benjamin Manz, BLUETEXT , Mai 2008

Benutzerdefinierte Suche