Christian W. Hafner ist Geschäftsführender Partner der
Wegelin & Co. Bankiers in Zürich.
Vor seinem Wechsel zur St. Galler Privatbank 2005 war Christian W. Hafner als Direktor bei der UBS im Vermögensverwaltungsgeschäft tätig. Er ist eidgenössisch diplomierter Bankfachexperte und hat einen MBA-Abschluss der William E. Simon Graduate School of Business Administration in Rochester, New York und der Universität Bern.
Wir sprachen mit Christian Hafner über die aktuelle Situation an den Finanzmärkten und darüber, was eine sehr gute von einer bloss guten Bank unterscheidet.
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Herr Hafner, wie erleben Sie aus der Sicht der Bank Wegelin die Nervosität an den internationalen Finanzmärkten?
Unterschiedlich. Viele unserer Kunden können sich noch an die Krise 2001-2003 erinnern und stellen sich darauf ein, dass nach jedem Gewitter auch wieder die Sonne scheint. Einzelne Kunden sind der Meinung, dass wir die Situation hätten voraussehen und den kompletten Ausstieg aus den Aktienmärkten empfehlen müssen. Die Aufgabe eines Privatbankiers in solchen Phasen ist es, seine Kunden an der Hand zu nehmen und durch das Unwetter zu führen, ohne allzu nass zu werden. Da hilft es nicht, stündlich den Wetter- respektive Börsenbericht zu hören. Nur wer gut vorbereitet ist und wetterfeste Kleider trägt, das heisst seine Risikotoleranz richtig beurteilt hat, wird sich von der Nervosität nicht anstecken lassen und gelassen dem Wetter trotzen.
Wie ernst ist die Lage - ist das Schlimmste der Finanzkrise überwunden?
Durch den Wegelin-Anlagekommentar haben wir ziemlich frühzeitig und auch mit genügender Insistenz auf die Gefährlichkeit der sich zusammenbrauenden Unwetterfront hingewiesen. Wir sind seither eher dem Lager der Pessimisten beziehungsweise Realisten zuzurechnen. Trotzdem gibt es viele Elemente der Krise, die wir uns so übel und so hartnäckig nicht vorgestellt hätten. Das Hauptproblem der Kreditmarktkrise besteht darin, dass ein Ende nach wie vor überhaupt nicht absehbar ist. Der Grund für diese hoffnungslos stimmende Persistenz liegt darin, dass kein Verfahren sichtbar ist, wie die angehäuften Probleme «entsorgt» werden könnten.
Wie können Anleger in einem solchen Szenario Geld verdienen – mit Aktien, Zinspapieren, Rohstoffen oder Währungen? Wie sieht die optimale «Asset Allocation» aus?
Einerseits beherrschen zu viele Unsicherheiten im internationalen Währungsgefüge bezüglich Teuerung und rezessiven Tendenzen das Bild. Somit sehen wir noch keinen Grund, die vorsichtige Investitionshaltung, das heisst Aktien unterzugewichten und den Rest gut diversifiziert liquide zu halten, aufzugeben. Andererseits handelt es sich bei der derzeitigen Krise um eine echte Bankenkrise und nicht um eine Bewertungskorrektur allfällig übertriebener Aktienkurse. Zurzeit stehen die Indizes ungefähr auf dem Niveau von 1998. Von einer markanten Überbewertung kann also keine Rede sein. Selbst bei weniger berauschenden Gewinnverhältnissen sind viele Aktien nicht wirklich teuer. Schliesslich stellen Aktien unseres Erachtens ein ideales Diversifikationsmittel dar in einer Krise, in welcher Cash und andersgeartete Guthaben bei bestimmten Banken nach wie vor als gefährdet betrachtet werden müssen. Uns ist mit Eigentumsanteilen an grossen Glace-Maschinen, Pharma-Retorten und Stromgeneratoren nicht unwohl.
Welche Wirtschaftsregion erachten Sie momentan als attraktiv und warum?
Gemäss unserem Value-Bewertungsmodell für die Aktienmärkte sind Europa und Grossbritannien günstig. Die USA und die Schweiz sind die teuersten Märkte in unserem Universum. Japan hat sich relativ deutlich verbilligt und ist seit langem wieder einmal ins Mittelfeld aufgerückt. Kurzfristig haben Hong Kong, Kanada und Norwegen das beste Momentum. Die Schweizer Börse hat noch wenig Schwung und befindet sich im hinteren Mittelfeld nach den USA. Für längerfristige Investoren empfehlen wir die Branchen Gesundheit, Konsumgüter und Finanzwerte. Kurzfristig sollten sich auch Versorgungs- und Energieunternehmen lohnen.
Neben hervorragenden Produkten und guter Beratung sind es oft die kleinen Dinge, die eine sehr gute Bank von einer guten Bank unterscheiden - Zitat eines CEO einer Schweizer Bank. Herr Hafner, welcher USP unterscheidet die Wegelin Bank von einer guten Bank?
Erstens investieren wir unser eigenes Geld wie dasjenige der Kunden. Zweitens nehmen wir uns Zeit, sind transparent und verzichten deshalb auf Zusatzerträge durch zusätzliche Kunden pro Berater oder versteckte Kommissionen in unseren Produkten.
Es ist nicht lange her, da war es noch sehr schwierig, am Arbeitsmarkt gute Leute zu finden - der Markt war ausgetrocknet. Wie beurteilen Sie die Situation heute und für die nächsten 12 Monate?
Wir machen nicht mit beim Wettrennen, den anderen Banken möglichst viele Kundenberater abzujagen. Unser Wachstum ist längerfristig angelegt. Wir ziehen jene Mitarbeiter vor, die uns entdecken und sich in uns verlieben. Wir wollen keine «Job Hoppers». Gute Leute sind in jeder Arbeitsmarktsituation schwierig zu finden und haben nichts zu befürchten. Wenn die Ertragslage der Banken wegen Einbruchs der Zinsmargen und der Börsen- und Depotkommissionen weiter erodiert, wird das wohl oder übel zu Personalabbau führen. Massenentlassungen sind aber wenig wahrscheinlich.
Wir leben in einer veränderungsreichen Zeit. Womit bringen Sie den Begriff «Change» in Verbindung?
Nur Wandel bringt uns vorwärts. Aber schon selbst initiierter Wandel ist herausfordernd. Denken Sie an den Vorsatz, regelmässig Sport zu treiben oder die Ernährung umzustellen. Um so anspruchsvoller ist es, die Menschen in ihrem Verhalten für eine Veränderung zu motivieren. Bei jeder Führungsaufgabe steht das Bewältigen solcher Veränderungsprozesse im Zentrum. Es geht oft darum, einen verhärteten Status Quo aufzuweichen, Vorurteile und andere Barrieren abzubauen, von den neuen Praktiken zu überzeugen und schliesslich gemeinsam die Veränderungen in der Firmenkultur zu verankern. Führungspersonen, die das wirklich gut können, sind je länger je mehr gesucht.
Schliesslich unsere «Change»-Frage: Wenn Sie alle Macht der Welt hätten, welchen «Change» würden Sie realisieren?
Alle Menschen sollten die unbeschränkte Möglichkeit haben, ihr Wissen und Können andauernd zu verbessern. Nur mit erhöhter Bildung wird sich die Wertehaltung der Menschen derart verändern, dass Konflikte und existentielle Not nicht mehr den Zugang zu Wohlstand verwehren.
Interview: Zoran Bozanic, August 2008
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