31. Juli 2010
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Schweizer Bankenwelt:
«Der Change wird weitergehen»

Jürg Bucher, CEO Jürg Bucher ist CEO der PostFinance sowie Mitglied der Konzernleitung der Schweizerischen Post. Nach seinem Studium in Betriebs- und Volkswirtschaft, Finanzen und Journalistik an der Universität Bern und Berufserfahrungen als Journalist begann Jürg Bucher 1976 seine Karriere bei der PTT (der heutigen Schweizerischen Post). Danach bekleidete er bei der PTT verschiedene Funktionen im Finanzwesen sowie der Unternehmensentwicklung. Seit 2003 steht er der PostFinance vor. Jürg Bucher hat zudem Verwaltungsratsmandate bei der Swiss European Clearing Bank in Frankfurt, der EUFISERV SA in Brüssel sowie der EUROGIRO SA in Kopenhagen inne.

Wir sprachen mit Jürg Bucher über die mögliche Vergabe der Banklizenz an PostFinance sowie die Ausweitung des Geschäftsbereichs des Finanzunternehmens.

 
   
 

change.ch
Herr Bucher, Sie kämpfen um die Banklizenz für PostFinance. Ist eine Vergabe der Banklizenz in nächster Zeit realistisch?


Jürg Bucher
Es wird nicht einfach. Der Bundesrat sieht die Banklizenz für PostFinance in seiner Vorlage zum neuen Postgesetz nicht vor. Aber letztendlich wird das Parlament gegen Ende 2009 darüber entscheiden. Bis dahin werden wir weiter für gleich lange Spiesse und mehr Wettbewerb zugunsten der Kunden kämpfen.
PostFinance ist mit 50 Milliarden Schweizer Franken an Kundengeldern und 2,3 Millionen Kunden bereits jetzt erfolgreich im Retail-Banking tätig.

Was würde sich bei PostFinance mit der gewünschten Banklizenz ändern?

Mit der Lizenz müssten wir nicht mehr die Hälfte unserer Kundengelder im Ausland anlegen. Dazu sind wir heute gezwungen und deshalb fliessen über 25 Milliarden Franken von Schweizer Kunden ins Ausland. PostFinance könnte dieses Geld in Form von Hypotheken und KMU-Krediten in die Schweizer Volkswirtschaft investieren. Zudem könnten wir bei Angeboten im Sparbereich, bei Hypotheken und Krediten noch attraktiver sein. Die Marge, die wir heute mit Partnern teilen, käme teilweise unseren Kunden zu gute.

Würden mit einer Banklizenz neben Kleinkunden auch vermögende Kunden zur Zielkundschaft gehören?

PostFinance ist seit 100 Jahren das Finanzinstitut für «kleine» Kundinnen und Kunden. Wir sind stark im Retailgeschäft, das heisst im Geschäft mit kleinen bis mittleren Einkommen und Vermögen. Damit sind wir erfolgreich. Auch mit Banklizenz würden wir daran nichts ändern. Im Gegenteil. Mit Banklizenz könnte PostFinance ihre Kundengelder auch in Hypotheken und KMU-Kredite für eben diese «kleinen» Kundinnen und Kunden investieren.

Würden durch die Lizenzvergabe und die Ausweitung des Geschäftsbereichs auch neue Arbeitsplätze geschaffen?

Ich bin stolz darauf, dass wir in den letzten 10 Jahren mehr als 1100 neue Vollzeitstellen geschaffen haben. Und dies auch abseits der grossen Agglomerationen beispielsweise in Bulle, Netstal und Bellinzona. Dieses Jahr sind wieder 230 neue Stellen geplant. PostFinance wird auch in den nächsten Jahren weiter eifrig Stellen schaffen. Mit Banklizenz wären es wohl noch mehr als ohne.

Auch ohne Lizenzvergabe: Das Thema «Search for Talents» dürfte bereits jetzt von Bedeutung für Sie sein. Wie machen Sie auf dem Arbeitsmarkt auf sich aufmerksam? Wo liegt die Attraktivität einer Anstellung bei PostFinance?

Die Bekanntheit von PostFinance auf dem Arbeitsmarkt steigt laufend. Wir sind ein dynamisches Unternehmen, das sich in den letzten Jahren enorm entwickelt hat. Es ist spannend und eine grosse Herausforderung, tagtäglich an der Weiterentwicklung eines Unternehmens mitzuarbeiten. Zudem bieten wir unseren Mitarbeitenden gute Sozialleistungen und moderne Arbeitszeitmodelle. Aber es ist nicht einfach, alle Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Da gibt es regional grosse Unterschiede.

Die Raiffeisen-Banken kämpfen gegen eine Banklizenz für PostFinance. CEO Pierin Vincenz befürchtet die Schliessung diverser Raiffeisen-Filialen im Fall einer Lizenzvergabe und kritisiert den staatlichen Hintergrund als ungerechtfertigten Vorteil für PostFinance. Was antworten Sie Pierin Vincenz?

PostFinance bietet heute in rund 2500 Poststellen in der ganzen Schweiz, in 29 PostFinance-Filialen und mit dem Aussendienst alle wesentlichen Bankleistungen für Retailkunden an. Das ist meine Antwort auf Schliessungsdrohungen von Konkurrenten.

PostFinance ist neu mit Zurich Connect eine enge Kooperation eingegangen. Wird PostFinance nun zum Allfinanzanbieter?

Sachversicherungen gehören sicher nicht zu unserem Kerngeschäft, aber wir ergänzen so unsere Produktpalette. Mit Zurich Connect sind wir eine Partnerschaft eingegangen, die die Vertriebe beider Unternehmen stärkt. Unsere internet-affinen Kundinnen und Kunden können so online günstige Versicherungen abschliessen.

PostFinance steht eine veränderungsreiche Zeit bevor. Womit bringen Sie den Begriff «Change» in Verbindung?

«Change» steht uns nicht erst bevor, «Change» haben wir in den letzten Jahren gelebt. Wir entwickelten uns quasi vom Einproduktunternehmen zu einem vollwertigen Finanzinstitut. Heute sind wir die Nummer 5 der Schweizer Banken. Der «Change» in der Schweizer Bankenwelt wird weiter gehen, mit PostFinance als einem wachsenden Unternehmen.

Schliesslich unsere «Change»-Frage: Wenn Sie alle Macht der Welt hätten, welchen «Change» würden Sie realisieren?

Die Welt steht vor der riesigen Herausforderung, für eine nachhaltige Entwicklung zu sorgen, die den nächsten Generationen gute Lebensqualität bietet.

Herr Bucher, besten Dank für dieses Gespräch.

Interview: Benjamin Manz, BLUETEXT, Juni 2008

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